Sauerteig
Unser Schwerpunkt

Sauerteig, ehrlich erklärt

Von der ersten Fütterung bis zum perfekten Sauerteigbrot. Videos, Rezepte und Wissen von Bäckermeistern und Fachexperten aus unserer Runde. Kein Marketing, kein Halbwissen.

Was ist Sauerteig eigentlich?

Sauerteig ist keine Zutat, die du regulär im Supermarkt kaufst. Es ist ein lebendiges Ökosystem aus wilden Hefen und Milchsäurebakterien, das du selbst großziehst, aus Mehl und Wasser und deinem eigenen Mix aus Mikroorganismen bei dir zu Hause. Diese Mikroorganismen ernähren sich von den Zuckern im Mehl. Dabei entsteht, was du zum Backen brauchst: Kohlendioxid, das den Teig treibt, und Säure, die dem Sauerteigbrot seinen typischen Geschmack gibt.

Der Unterschied zur (Industrie-)Hefe: Dort arbeitet ein einziger, gezüchteter Organismus, schnell und berechenbar. Beim Sauerteig arbeitet eine ganze Gemeinschaft, langsamer, dafür vielseitiger. Genau diese Langsamkeit macht am Ende den Unterschied im Brot.

Warum Sauerteigbrot anders schmeckt

Die Milchsäurebakterien im Sauerteig produzieren zwei Säuren, die sich im Geschmack deutlich unterscheiden: die Milchsäure und die Essigsäure. Milchsäure schmeckt mild und rund. Essigsäure schmeckt schärfer und entsteht vor allem, wenn der Sauerteig kühler und fester geführt wird. Willst du ein mild-aromatisches Brot, führst du deinen Sauerteig warm und flüssig. Willst du mehr Schärfe und Tiefe, führst du ihn kühler und fester. Das ist einer der Hebel, mit denen du als Bäcker den Geschmack deines Brotes aktiv steuerst.

Die lange Fermentation verändert außerdem das Getreide selbst. Enzyme im Sauerteig bauen einen Teil der Phytinsäure ab, die in Getreide enthalten ist und normalerweise Mineralstoffe wie Eisen und Zink bindet. Dadurch werden diese Mineralstoffe für den Körper besser verfügbar, das gilt besonders für Vollkornmehl. Die lange Gare baut außerdem einen Teil der schwerer verdaulichen Kohlenhydrate im Getreide ab.

Was du zum Start brauchst

Für deinen ersten Sauerteig brauchst du nur drei Dinge: Mehl, am besten Roggenvollkornmehl zum Ansetzen, Wasser und Geduld. Das ist der grobe Ablauf:

Am ersten Tag mischst du Mehl und Wasser zu gleichen Teilen und lässt die Mischung warm stehen. In den ersten zwei bis drei Tagen fütterst du täglich nach, auch wenn sich noch nichts zu tun scheint. Sobald du Bläschen siehst und der Ansatz sein Volumen sichtbar vergrößert, beginnst du mit intensiverer Pflege, mehrmals täglich füttern, für etwa eine Woche. Danach ist dein Sauerteig stabil und du kannst ihn im Kühlschrank aufbewahren, mit einer Fütterung pro Woche.

Typische Stolpersteine

Die häufigsten Anfängerfehler

Zu früh aufgegeben.

Ein neuer Sauerteig braucht oft anderthalb bis zwei Wochen, bis er zuverlässig aktiv ist und damit einen Teig selbständig treiben kann.

Sauerteig direkt aus dem Kühlschrank verwendet.

Ein kalter Sauerteig muss auf Temperatur kommen. Die meiste Triebkraft hat ein Sauerteig, der gerade aufgefrischt wurde und kurz vor seinem Peak steht.

Keine gleichmäßige Wärmequelle beim Reifen.

Ein geschützter, gleichmäßig temperierter Platz ist wichtig, um den Ansatz stabil reifen zu lassen.

Fragen & Antworten

Häufig gestellte Fragen

Wie lange dauert es, bis ein Sauerteig backfertig ist?

Ein neuer Ansatz ist nach etwa sieben bis vierzehn Tagen backfähig. Seine volle Triebkraft und Aromatiefe erreicht er oft erst nach mehreren Wochen regelmäßiger Pflege.

Warum geht mein Sauerteig nicht auf?

Meist liegt es an der Temperatur, zu kühl gestanden, oder am Fütterungsrhythmus, zu selten oder zu unregelmäßig gefüttert.

Wie lange hält sich Sauerteig im Kühlschrank?

Mit einer Fütterung pro Woche praktisch unbegrenzt.

Woran erkenne ich, ob mein Sauerteig noch gut ist?

Ein gesundes Anstellgut erkennst du an drei Dingen: Es riecht mild säuerlich, es sieht gleichmäßig aus, und es geht nach dem Füttern zuverlässig auf. Stimmen diese drei Punkte, ist dein Sauerteig in Ordnung. Auch dann, wenn er wochenlang im Kühlschrank stand.<br /> <br /> Der Geruch ist dein bester Indikator<br /> <br /> Ein gesundes Anstellgut riecht mild säuerlich, oft mit einer Note von Joghurt, Apfel, Bier oder Most. Je länger es ungefüttert steht, desto schärfer und alkoholischer wird der Geruch. Das ist normal und kein Grund zur Sorge, es ist ein Hungersignal.<br /> <br /> Alarmierend wird es bei einem muffigen, erdigen oder modrigen Geruch, bei fauligem oder käsigem Geruch, oder bei einem Geruch nach Nagellackentferner, der auch nach zwei Fütterungen nicht verschwindet. Ein stechender Essiggeruch allein ist unkritisch, dein Anstellgut ist dann einfach abgefressen und braucht Futter.<br /> <br /> Was du sehen solltest<br /> <br /> Ein gutes Anstellgut hat je nach Mehl eine Farbe von hellem Beige bis Braun und eine dickflüssige, gleichmäßige Konsistenz. Nach dem Füttern zeigen sich Bläschen an der Oberfläche und an der Glaswand.<br /> <br /> Eine graue oder graubraune Flüssigkeit auf der Oberfläche ist harmlos. Diese sogenannte Fusel entsteht, wenn die Mikroorganismen hungrig sind. Gieß sie ab oder rühr sie unter, dann füttere.<br /> <br /> Der eigentliche Test: die Triebkraft<br /> <br /> Aussehen und Geruch geben dir Hinweise, Gewissheit gibt dir nur eine Testfütterung. Nimm 20 g Anstellgut, füttere mit 20 g Mehl und 20 g Wasser und stell das Glas bei 26 bis 28 Grad warm. Ein triebstarkes Anstellgut hat sein Volumen nach 4 bis 8 Stunden deutlich vergrößert und riecht dann angenehm säuerlich.<br /> <br /> Wichtig: Eine exakte Verdopplung ist kein Muss. Wie stark dein Anstellgut aufgeht, hängt von der Festigkeit und vom Mehl ab. Ein festes Roggenanstellgut zeigt oft weniger Volumenzunahme als ein weiches Weizenanstellgut und ist trotzdem voll backfähig. Ein Gummiband außen am Glas hilft dir, die Veränderung überhaupt zu beurteilen.<br /> <br /> Geht nach zwei bis drei Fütterungen im 24-Stunden-Abstand nichts, ist dein Anstellgut erschöpft. Dann lohnt ein Neuansatz mehr als weiteres Wiederbeleben.<br /> <br /> Wann du entsorgen musst<br /> <br /> Bei pelzigem, flaumigem oder farbigem Belag in Weiß, Grün, Blau, Grau oder Schwarz. Das ist Schimmel, und dann kommt der gesamte Ansatz weg. Ebenso bei rosa, orangefarbenen oder rötlichen Schlieren, die auf eine bakterielle Fehlbesiedlung hindeuten.<br /> <br /> Alles andere lässt sich fast immer retten. Sauerteig ist erstaunlich robust, das eigene Säuremilieu schützt ihn vor Fremdkeimen. Die häufigste Ursache für ein verlorenes Anstellgut ist unregelmäßige Pflege, seltener echter Verderb.

Was ist der Unterschied zwischen Kahmhefe und Schimmel?

Kahmhefe ist eine flache, glatte oder faltige Haut auf der Oberfläche deines Sauerteigs, weißlich bis hellbeige, und sie ist harmlos. Schimmel wächst dreidimensional, pelzig und flaumig, oft in runden farbigen Kolonien, und macht den gesamten Ansatz unbrauchbar. Der Unterschied liegt in der Struktur, nicht in der Farbe.<br /> <br /> So erkennst du Kahmhefe<br /> <br /> Kahmhefen sind sauerstoffliebende Hefen, die sich als geschlossener Film über die Oberfläche legen. Typisch sind:<br /> <br /> flache, hautartige Schicht ohne Höhe<br /> weißlich, cremefarben oder hellbeige, oft leicht glänzend<br /> glatte oder feinfaltige Oberfläche, ähnlich einer Milchhaut<br /> lässt sich als zusammenhängendes Stück abheben<br /> riecht hefig oder alkoholisch, nicht muffig<br /> <br /> Kahmhefe bildet sich, wenn dein Anstellgut lange ungefüttert an der Luft steht, besonders bei weichen Ansätzen mit viel Wasser und bei Raumtemperatur. Sie ist ein Pflegesignal.<br /> <br /> Was du tust: Nimm die Schicht großzügig ab und entsorge sie. Hol dann mit einem sauberen Löffel Sauerteig aus den tieferen, unberührten Schichten, fülle ihn in ein frisches, sauberes Glas und füttere wie gewohnt. Geht dein Anstellgut danach normal auf, ist alles in Ordnung.<br /> <br /> So erkennst du Schimmel<br /> <br /> Schimmel bildet ein Myzel, also ein Geflecht aus Pilzfäden, das in die Höhe und in die Tiefe wächst. Typisch sind:<br /> <br /> flaumige, pelzige oder watteartige Struktur mit sichtbarer Höhe<br /> runde, klar abgegrenzte Kolonien statt einer flächigen Haut<br /> Farben von Weiß über Grün und Blau bis Grau und Schwarz<br /> Wachstum bevorzugt am Glasrand, am Deckel oder an trockenen Teigresten oberhalb der Masse<br /> muffiger, erdiger Kellergeruch<br /> <br /> Der häufigste Irrtum ist weißer Schimmel, der mit Kahmhefe verwechselt wird. Der Unterschied ist die Struktur. Kahmhefe liegt flach und geschlossen auf der Oberfläche. Weißer Schimmel steht flauschig ab und beginnt fast immer als runder Fleck, der sich ausbreitet.<br /> <br /> Warum Abkratzen bei Schimmel nicht reicht<br /> <br /> Was du siehst, ist nur der Fruchtkörper. Das eigentliche Pilzgeflecht durchzieht die weiche, feuchte Masse längst unsichtbar, und einzelne Schimmelarten bilden dabei Mykotoxine, die hitzestabil sind und beim Backen nicht zerstört werden. Bei festem Käse kannst du großzügig wegschneiden, bei Sauerteig geht das nicht.<br /> <br /> Entsorge deshalb den kompletten Ansatz, wasch das Glas heiß aus oder nimm ein neues, und starte mit einem Rückstellmuster aus dem Gefrierfach oder mit getrocknetem Anstellgut neu. Genau dafür lohnt es sich, immer eine kleine getrocknete Reserve zu haben.<br /> <br /> Vorbeugen ist einfacher als retten<br /> <br /> Schimmel entsteht fast immer an denselben Stellen: an Teigresten am Glasrand, unter einem feucht beschlagenen Deckel oder in einem Glas, das zu lange bei Raumtemperatur stand. Wisch den Rand nach jeder Fütterung sauber ab, lagere dein Anstellgut bei 4 bis 8 Grad im Kühlschrank und arbeite mit sauberen Löffeln. Damit hast du den größten Teil des Risikos ausgeschaltet.

Nichts verpassen

Wir zeigen regelmäßig neue Videos zum Thema Sauerteig auf YouTube. Abonniere den Kanal, dann bekommst du jede neue Folge sofort.

Kanal abonnieren